Mittwoch, 7. Mai 2008


Hüftsteife Weltstars

Etwas Positives vorweg: Kevin Spacey ist gut! Ernüchternd aber: Ein höchst mittelmäßiges Stück, eine Inszenierung von Regisseur Matthew Warchus, die viel verschenkt und vor allem ein erschreckend steifer Jeff Goldblum, trüben die als "grandiosen verbalen Infight" angekündigte Ruhrfestspiel-Aufführung Speed-the-plow (Die Gunst der Stunde) von David Mamet, bei der auch Laura Michelle Kelly zunächst nicht glänzen darf und dann ihren Hauptakt völlig blutleer herunterspielt.

Was Musik und Texte angeht bin ich befangen. Es ziemt sich nicht, über Kollegen öffentlich zu urteilen – es sei denn man findet sie ohnehin toll. Heute will ich aber Luft ablassen dürfen, denn erstens wird es den Protagonisten nicht wehtun, zweitens werden sie nie davon erfahren und drittens ist die Kunstform nicht mein eigenes Genre. Durch Zufall mitbekommen, dass es noch (halbwegs leistbare) Karten gibt und kurzerhand nach Recklinghausen gefahren zu den Ruhrfestspielen 2008.

Natürlich sind es auch die Namen, die einen locken. Natürlich ist es spannend, Hollywood-Größen statt auf der Kinoleinwand leibhaftig auf einer Theater-Bühne zu erleben. Vorschusslorbeeren, Respekt vor den Weltstars, Faszination des Ruhms. All das spielt im Erleben des Abends eine Rolle. Vielleicht sind die Erwartungen gerade deswegen aber zu hoch.

Kevin Spacey spielt den Filmproduzenten Charlie Fox mit Tempo und Witz, verleiht ihm etwas Eigenständiges, Eigenbrötlerisches, und gewinnt die Gunst des Publikums in Windeseile. Produktionschef Bobby Gould alias Jeff Goldblum wirkt hingegen zögerlich, monoton, fast schüchtern. Noch hofft man: Vielleicht spielt Goldblum seine Rolle einfach gut! Charlie überbringt die große Nachricht: Nach langen Jahren der Erfolglosigkeit scheint er einen Blockbuster an Land gezogen zu haben. Am nächsten Tag soll der Deal perfekt gemacht werden. Doch da funkt Karen dazwischen, die Aushilfssekretärin, gespielt von Laura Michelle Kelly. Als Vorwand sie zu sich nach Hause einzuladen, soll sie für ihren Chef Bobby ein herumliegendes Drehbuch lesen um ihm zu berichten, ob es für einen guten Film – in seiner Definition: kommerziell erfolgreichen – taugt.

Dieser zweite Akt in Bobbys Wohnung zeigt die Schwächen der Inszenierung gnadenlos auf: Bobby versucht sich Karen zu nähern, Karen zeigt sich begeistert von dem Manuskript, das Bobby wiederum überhaupt nicht interessiert. Soweit so gut. Doch Goldblum spielt – über seine Rolle hinausgehend – erschreckend schwerfällig. Wenn er keinen Text hat verharrt er ausdruckslos in seiner Position und wartet auf sein nächstes Stichwort. Vielleicht macht man das beim Film so. Karens Plädoyer für den aberwitzigen Plot des von ihr gelesenen Drehbuchs wird völlig emotionslos vorgetragen, ohne ihr echte Begeisterung anzumerken. Seltsam, dass sich Bobby von diesem blutleeren Vortrag ohne Höhepunkte und Tiefe überzeugen lässt und seine Meinung ändert. Ist es ein Versuch des Regisseurs, aus dem Stoff kein allzu deftiges Boulevard-Theater zu machen, so bleibt es beim gut gemeinten Ansatz. Zwar wird diese Szene lobenswerter Weise nicht publikumstauglich ausgeschlachtet, jedoch versäumen es Regie und Schauspieler auch, einen starken Wendepunkt des Stückes herauszuarbeiten.

"Showdown" im dritten Akt. Charlie ist entsetzt über Bobbys Sinneswandel, nun tatsächlich den von Karen vorgeschlagen Text und nicht das von ihm selbst an Land gezogene Manuskript filmisch umsetzen zu wollen. Bobby bleibt dabei seltsam zurückgezogen und selbst wenn ihm Charlie so richtig an den Kragen geht, bleibt Goldblum unbeholfen, stürzt sich hüftsteif über die Bühne, schmiert sich viel zu viel Farbe ins Gesicht (soll es Blut sein?) und entscheidet sich dann doch für den Kommerz, denn Karen gibt zu, dass sie nicht mit ihm im Bett gelandet wäre, hätte er sich nicht umstimmen lassen.

Und das war´s dann auch.

Den Rest gibt mir die Reaktion des Publikums: Begeisterter Beifall und zum Teil standing ovations, die mir das größte Rätsel des Abends bleiben. Tröstlich auf der anderes Seite: Auch Weltstars kochen nur mit Wasser – und wer es in Hollywood schafft, ist noch lange kein überzeugender Bühnendarsteller.

|

This page is powered by Blogger. Isn't yours? Weblog
Commenting and Trackback by HaloScan.com Blogarama